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Gwendolyn und meine langen Arme

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Gwendolyn und meine langen Arme

Gwendolyn und meine langen Arme

Ich hab den Mond umarmt. Das klingt wie eine Metapher (was es auch ist), trotzdem habe ich ihn umarmt. Im wirklichen Leben.
„Bist du Astronaut?“, werdet ihr mich jetzt fragen. Nein. Ich bin auf dem Boden geblieben, wie ihr alle, nur habe ich eben sehr lange Arme. Das hat auch Vorteile.

Ich komme an hoch platzierte Süßigkeitendosen in der Speisekammer ran. Ich kann Leuten in Nachbarländern zum Geburtstag gratulieren, ohne mein Haus zu verlassen. Und wenn mir jemand ein High-Five geben will, gewinne ich immer.

Die Schattenseiten wurden mir erst bewusst, als ich Gwendolyn traf. Gwendolyn war ein Hydrant an der Ecke, im Kern sehr sensibel, aber nach außen eben verschlossen.
„Was machst du so?“, fragte ich sie.
Ich wartete gerade auf den Bus, während mir zwei Straßen weiter die Fingernägel lackiert wurden.
„Witzig“, sagte Gwendolyn. „Ich bin festgeschraubt, stehe schon länger hier, als du denken kannst du fragst mich, was ich hier mache.“ Dabei klang sie gar nicht, als ob sie das witzig fände. Jahre später bekam ich raus, das man sowas ‚Sarkasmus’ nennt.

„Ja“, sagte ich „Ich frage dich, was du hier machst!“
„Na, nach was siehts denn aus? Ich putze die Treppe“, sagte Gwendolyn.
Wieder so etwas, das ich nicht verstand. Hier gab es doch gar keine Treppe. Ich beschloss zu schweigen und zu warten, bis Gwendolyn etwas sagte.
Gwendolyn sagte nichts.

Ich blies Luft in meine Backen und ließ sie mit einem geräuschvollen Schmatzlaut wieder auseinander ziehen, sodass ein Plopplaut ertönte. Noch einmal. Noch einmal. Gwendolyn reagierte nicht.
Ich begann Wellenbewegungen durch meine langen Arme zu jagen, wie bei einem Seil, das man an einer Seite festhält und durch eine eine Ausholbewegung in Schwingungen versetzt.
Gwendolyn reagierte nicht.

„Ich habe sehr lange Arme“, sagte ich schließlich.
„Gut“, sagte Gwendolyn.
„Das ist nicht gut, das ist super!“, sagte ich. „Wusstest du, dass ich bereits den Mond umarmt habe? Jetzt gerade lass ich mir die Fingernägel lackieren, während wir sprechen. Ich könnte gar nicht glücklicher sein mit meinen Armen!“
„Würden du noch im Mittelalter leben, würde es dir noch besser gehen“, sagte Gwendolyn.
„Wieso?“, fragte ich.
„Da wurden Kleidungsstücke noch in Ellen verkauft.“
„Was ist Ellen?“, fragte ich.

Gwendolyn erklärte es mir. Da wurde ich ganz traurig. Ich hätte gerne mehr Kleidung fürs Geld bekommen. Gwendolyn hakte weiter nach:
„Gibt es keine Momente im Leben, wo dich deine langen Arme so richtig nerven?“

Ich überlegte.
„Doch“, sagte ich schließlich und wechselte bei der Maniküre die Hände „Mein Bett steht in der Mitte von meinem Zimmer, weil ich links und rechts Platz brauche, meine Arme abzulegen. Deshalb kann ich dort keinen Nachttisch hinstellen.“

„Na siehts du!“, sagte Gwendolyn.
Ich sah nichts, aber ich wurde sehr traurig. Zum ersten Mal in meinem Leben ärgerte ich mich darüber lange Arme zu haben. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Wikipedia einen schönen Artikel über Hydranten geschrieben hat!

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